ASMR - Entspannung - ASMR eklärt

Seit einigen Jahren kursiert der Begriff ASMR im Internet. Die ASMR-Videos auf youtube erfreuen sich großer Beliebtheit. Viele nutzen diese Entspannungsmethode als Einschlafhilfe oder zum Lernen. In der Presse wird das Phänomen auch als Kopf-Orgasmus, Gehirnmassage oder Sinnesmassage bezeichnet.

Warum ASMR bei vielen menschen entspannend wirkt? Wir haben uns mit der Entspannungstechnik beschäftigt und wollen in diesem Artikel näher auf die Bedeutung, Definition & Wirkung von ASMR Sounds und ASMR-Videos eingehen. Dabei versuchen wir die Wirkungsweise der psychologischen und physiologischen Reize hinter dem ASMR-Phänomen zu ergründen.

ASMR-Video: Entspannungsmusik mit ASMR-Sounds

Auf der Suche nach Entspannung

Der Alltag um uns herum kann sehr stressig sein. Der Mensch steht unter ständiger Anspannung durch allerlei Pflichten, sei es auf Arbeit oder im privaten Umfeld. Begleitet wird der Alltagsstress nicht selten durch eine laute und intensive Geräuschkulisse.
Die wenigsten Menschen haben die Möglichkeit oder Zeit bewusst abzuschalten, bzw haben die Fähigkeit sich wirklich zu entspannen. Viele leiden unter Schlafstörungen. Es fällt ihnen schwer zur Ruhe zu kommen, sich eine Pause zu gönnen. Dabei ist Entspannung wichtig, um gesund zu bleiben und neue Energie zu schöpfen.

Wie können wir entspannen?

Möglichkeiten, sich zu entspannen gibt es viele:

  • ein heißes Bad mit Duftaromen,
  • ein Gang in die Sauna,
  • ein Spaziergang in der Natur,
  • Yoga,
  • Meditation,
  • Autogenes Training,
  • eine Massage oder
  • Entspannungsmusik.

ASMR – Definition & Wirkung der Entspannungsmethode

ASMR steht für „Autonomous sensory meridian response“, eine überzeugende und sinnvolle Übersetzung ins Deutsche gibt es nicht.
Über die Wirkungung von ASMR findet man kaum wissenschaftliche Erklärungen oder Definitionen. Es gibt allerdings viele Erfahrungsberichte im Netz zu finden. Man kann zusammenfassen, dass die Wirkung individuell ist. Die auditiven und visuellen Schlüsselreizen erzeugen bei den Hörern z. B. ein angenehmes Gefühl der Entspannung und Ruhe. In manchen Fällen wird von einem Kopfkribbeln gesprochen. Dieses Kribbeln oder der „Schauer“ kann sich je nach Intensität über den Hinterkopf, die Arme und die Wirbelsäule im ganzen Körper ausbreiten und trance-ähnliche Zustände hervorrufen.
Am besten hört man die ASMR-Sounds per Kopfhörer, da die Stereo-Effekte so noch besser zur Geltung kommen und man die Geräusche sehr nah und ungestört von Außeneindrücken hören kann.

ASMR-Videos auf youtube

Es gibt unzählige ASMR-Videos auf youtube zum Thema ASMR, viele davon wurden millionenfach geklickt.
Was passiert in den ASMR-Videos? In den Videos werden von sogenannten ASMRtists zum einen auditive Auslöser bedient. Es werden scheinbar banale Alltagsgeräusche erzeugt, wie z.B. Knistergeräusche, durch das Öffnen einer Verpackung oder sanftes Streichen der Fingernägel über eine Bürste, leises Flüstern, sanfte Schmatzgeräusche, das Reiben von Händen, bis hin zum Haare Schneiden, Pinselstriche, etc.
Zum anderen gibt es die visuellen Reize. Eine Person, meist weiblich, also die ASMR-Künstlerin wird in Nah-Perspektive gezeigt, man sieht den Kopf und die Hände. Es wird z. B. eine Kopfmassage simuliert, oder ein Streicheln über die Haare, den Hinterkopf. Manchmal werden die Haare geschnitten, manchmal mit einer Feder über die Kamera gestrichen.

ASMR und Alfred Tomatis

Als ich zum ersten Mal von ASMR hörte, fielen mir Parallelen zur Alfred-Tomatis Methode auf. Ich hatte mich vor vielen Jahren, während des Studiums der Musikwissenschaften mit den Theorien des französischen Hals-Nasen-Ohrenarztes befasst. Besonders interessierten mich seinen Arbeiten zum Hörverhalten von Embryos im Mutterleib. Entgegen der allgemeinen wissenschaftlichen Annahmen, vertrat Tomatis die Theorie, dass Föten im Mutterleib die hohen Frequenzen ab 4000 Hz hören und nicht die tiefen Frequenzen, wie damals hauptsächlich angenommen.

Klangwelt Mutterleib – Wie Föten hören

Embryos sind im Mutterleib einer Vielzahl von Geräuschen ausgesetzt. Neben eigenen Geräuschen, welche das Embryo im Fruchtwasser verursacht, sind da die Geräusche der Mutter, wie z. B. das laute Glucksen, Blubbern und Knurren der Verdauungsorgane, die Atmung, den rauschenden Blutkreislauf und der ständig präsente Herzschlag in unterschiedlichen Rhythmen. Und dann gibt es da auch noch diese hohen und weit entfernten Laute. Die Stimme der Mutter, welche verschiedenen Emotionen und Stimmungen ausdrückt.

Das Ohr und die Stimme der Mutter

Das Ohr ist das erste Sinnesorgan, dass sich bei Menschen ausbildet. Die Entwicklung des Innenohrs beginnt bereits ab der dritten Schwangerschaftswoche. Ab dem 7. Monat ist die Funktionsweise des Innenohrs vollständig gewährleistet. Das Ohr des Embryos ist mit Fruchtwasser gefüllt, genauer gesagt, ist die Paukenhöhle, in der die Gehörknöchelchen zwischen Trommelfell und Hörschnecke liegen, mit Fruchtwasser gefüllt. Dadurch ist die Schwingungsfähigkeit der Gehörknöchelchen eingeschränkt. Eine Luftleitung des Schalls, so wie sie beim Menschen nach der Geburt üblich ist, findet beim Embryo so gut wie nicht statt. Geräusche über 500 Hz werden stark gedämpft. Geräusche von Außen werden zusätzlich noch durch das Gewebe der Mutter abgeschwächt.
Die Stimme der Mutter ist von der Dämpfung nicht betroffen. Sie wird über die Knochenleitung, speziell die Wirbelsäule und das Becken der Mutter übertragen. Das Becken funktioniert hierbei wie ein Ressonanzkörper, ähnlich dem einer Gitarre oder einer Violine. Über die Knochenleitung werden aber nur Frequenzen ab 4000 Hz übertragen, also der hohe Stimmanteil.

Zwischen Individualismus und Eins-Sein

Die westliche Gesellschaft ist vom Individualismus des Einzelnen geprägt. Jeder Einzelne folgt seinen eigenen Ideen und Wünschen. Der Glaube, dass man durch eigenes Denken zur eigenen Meinung gelangt, ist weit verbreitet. Man möchte aus der Masse hervortreten, sich unterscheiden, anders sein.
Dem Gegenüber steht die Angst vor der Isolation, dem Abgetrenntsein von der Herde und der Wunsch nach Gemeinsamkeit und Gemeinschaft. (Erich Fromm: „Die Kunst des Liebens“)
Durch ein intaktes soziales Netz, bestehend aus sozialen Beziehungen wie z. B. Familie, Freunden oder Kollegen kann sich das Individuum den Wunsch nach Einheit und Zugehörigkeit im Idealfall erfüllen und die Angst vor der Isolation nehmen. Viele Situationen im Alltag sind allerdings nicht gerade förderlich für den Erhalt sozialer Bindungen. Viele Menschen fühlen sich isoliert oder haben Probleme soziale Bindungen einzugehen.

Die Eltern-Kind-Beziehung

Für ein Kind ist z.B. die Mutter im Idealfall ein Symbol für Sicherheit, Urvertrauen, Wärme und bedingungsloser Liebe. Zärtliche Berührungen, leise, sanfte Worte, körperliche Nähe sind Erinnerung, die durch ASMR Videos visuell angeregt werden. Gerade die Videos weiblicher ASMRtisten werden sehr oft gesehen.

ASMR-Wirkung & Definition: Ein Fazit

Durch ASMR-Sounds werden auf psychologischeer und physiologischer Basis Erinnerungen des Menschen geweckt, in denen er sich geborgen und beschützt fühlt(e).

ASMR-Sounds – Wohlfühl-Auslöser pränataler Erfahrungen

Durch ASMR-Sounds werden über das Ohr verschiedene physische Wohlfühl-Erinnerungen angeregt, die wir aus der Embryo-Phase oder aus engen sozialen Bindnugen kennen. Das Embryo hört im Mutterleib die meisten Umgebungsgeräusche stark abgedämpft und die Stimme der Mutter ab einer Frequenz über 4000 Hz deutlich. Lautmalerisch kann man sich das in etwa so vorstellen: Man hört die hohen Zischlaute beim Flüstern, unterlegt mit tiefen Grummeln. Das sind genau die Frequenzen die bei ASMR Videos benutzt werden. Das Knistern und Rascheln von Papier, das Schnalzen, Klicken von sanften Stimmen beim Flüstern, Pinselstriche, Händereiben, etc.

ASMR-Videos – Erinnerung an eine enge soziale Bindung

ASMR-Videos bieten eine unkomplizierte Möglichkeit, durch visuelle Reize, wie z.B. sanfte Berührungen oder Personen in Nahperspektive eine enge, führsorgliche soziale Bindung oder eine intakte Eltern-Kind-Beziehung zu imitieren. Dadurch können Erinnerungen an Geborgenheit beim Zuschauer wach gerufen werden.

von Andreas Voland

Quellen:
Was hört der Fötus
Alfred Tomatis
Erich Fromm: Die Kunst des Liebens (Heyne Verlag)